Ein Spurhalteassistent, der das Fahrzeug sanft in der Spur hält. Ein Notbremsassistent, der reagiert, bevor der Fahrer es kann. Ein adaptiver Tempomat, der den Abstand zum Vordermann millimetergenau regelt. Diese Systeme sind keine Zukunftsmusik mehr – sie gehören zur Serienausstattung der meisten Neufahrzeuge und retten nachweislich Leben.
Doch was passiert, wenn die Windschutzscheibe getauscht wird? Wenn nach einem Auffahrunfall die Frontstoßstange ersetzt wurde? Oder wenn eine Achsvermessung den Fahrzeugwinkel korrigiert hat? Die Antwort: Sämtliche Fahrerassistenzsysteme, die auf Kameras, Radar oder LiDAR basieren, müssen neu kalibriert werden. Geschieht das nicht, arbeiten diese Systeme mit falschen Referenzwerten – und werden vom Sicherheitssystem zur Gefahrenquelle.
Welche ADAS-Sensoren sind in modernen Fahrzeugen verbaut?
ADAS steht für Advanced Driver Assistance Systems – auf Deutsch: fortgeschrittene Fahrerassistenzsysteme. Die Sensortechnik, die diese Systeme speist, ist vielfältig und über das gesamte Fahrzeug verteilt.
Frontkamera (hinter der Windschutzscheibe)
Die Frontkamera ist der zentrale Sensor der meisten Assistenzsysteme. Sie sitzt im oberen Bereich der Windschutzscheibe, meist in der Nähe des Innenspiegels, und erfasst:
- Fahrbahnmarkierungen für den Spurhalteassistenten und die Spurverlassenswarnung
- Verkehrszeichen für die Verkehrszeichenerkennung (Geschwindigkeit, Überholverbote)
- Fußgänger und Radfahrer für die automatische Notbremsung
- Vorausfahrende Fahrzeuge für die Abstandsregelung und Kollisionswarnung
- Freie Fahrbahn für den Fernlichtassistenten
Die Kamera arbeitet mit einer definierten optischen Achse. Bereits eine Abweichung von 0,1 Grad verschiebt das erfasste Bild in 100 Metern Entfernung um über 17 Zentimeter – genug, um die Spurerkennung oder Abstandsmessung signifikant zu verfälschen.
Frontradarsensor (hinter dem Markenemblem oder in der Stoßstange)
Der Radarsensor arbeitet typischerweise im 77-GHz-Bereich und misst:
- Abstand und Geschwindigkeit vorausfahrender Fahrzeuge für den adaptiven Tempomaten (ACC)
- Annäherungsgeschwindigkeit für die automatische Notbremsung
- Querverkehr bei fortgeschrittenen Systemen
Der Radarsensor ist in der Regel hinter dem vorderen Markenemblem oder in der Frontstoßstange integriert. Nach einem Frontalaufprall oder einem Stoßstangentausch ist eine Neukalibrierung zwingend erforderlich.
Seitenradarsensoren (hinter den hinteren Stoßstangen-Ecken)
Diese Sensoren überwachen den seitlichen und rückwärtigen Bereich des Fahrzeugs:
- Toter-Winkel-Assistent (Blind Spot Detection) – warnt bei Fahrzeugen im toten Winkel
- Querverkehrswarnung beim Rückwärtsausparken (Rear Cross Traffic Alert)
- Ausparkassistent – erkennt querendem Verkehr beim Ausparken
Die Seitenradarsensoren sind empfindlich gegenüber Verformungen der hinteren Stoßstange. Selbst ein leichter Parkrempler kann die Ausrichtung verändern.
LiDAR-Sensoren (bei ausgewählten Premiummodellen)
LiDAR (Light Detection and Ranging) sendet Laserpulse aus und erstellt aus den Reflexionen eine dreidimensionale Punktwolke der Umgebung. Dieses System wird derzeit bei ausgewählten Modellen von Mercedes-Benz, BMW und Volvo eingesetzt und ermöglicht hochautomatisiertes Fahren (Level 3). Die Kalibrierungsanforderungen sind besonders streng.
Surround-View-Kameras (in Außenspiegeln, Heckklappe, Kühlergrill)
Vier oder mehr Weitwinkelkameras erzeugen eine 360-Grad-Vogelperspektive für das Einparken. Nach einem Spiegeltausch, einer Heckklappen-Reparatur oder einer Neuausrichtung des Kühlergrills müssen diese Kameras neu kalibriert werden, damit das zusammengesetzte Bild korrekt dargestellt wird.
Wann ist eine ADAS-Kalibrierung erforderlich?
Die folgende Liste umfasst die häufigsten Auslöser für eine notwendige Neukalibrierung. In der Praxis gilt: Im Zweifelsfall kalibrieren. Die Kosten einer Kalibrierung stehen in keinem Verhältnis zu den Folgen eines fehlerhaft arbeitenden Sicherheitssystems.
1. Windschutzscheibentausch
Der häufigste Grund für eine Frontkamera-Kalibrierung. Jede neue Windschutzscheibe hat minimale Fertigungstoleranzen in Dicke und Krümmung. Selbst wenn die neue Scheibe exakt dem Original entspricht, verändert der Klebevorgang die optischen Eigenschaften im Kamerabereich. Die Frontkamera muss nach jedem Scheibentausch statisch kalibriert werden – ausnahmslos.
2. Unfallreparatur (Front oder Heck)
Nach einer Kollision mit Verformung der Karosseriestruktur sind potenziell alle Sensoren betroffen:
- Frontkollision: Frontkamera, Frontradarsensor, ggf. LiDAR
- Heckkollision: Seitenradarsensoren, Rückfahrkamera, Surround-View
- Seitenkollision: Seitenradarsensoren, Surround-View-Kameras in den Spiegeln
3. Stoßstangentausch (vorne oder hinten)
Auch ohne Unfall: Wenn eine Stoßstange ausgebaut und wieder eingebaut oder ersetzt wird, verändert sich potenziell die Position der darin integrierten Sensoren. Das betrifft Frontradarsensoren ebenso wie seitliche Radarsensoren in der hinteren Stoßstange.
4. Achsvermessung und Fahrwerksarbeiten
Eine Achsvermessung verändert den Geradeauslauf des Fahrzeugs. Die Kamera und die Radarsensoren referenzieren auf die Fahrachse. Nach jeder Spureinstellung sollte geprüft werden, ob eine Neukalibrierung der Frontsysteme notwendig ist. Einige Hersteller schreiben dies verbindlich vor.
5. Steuergeräte-Tausch oder Software-Update
Wenn das Steuergerät der Frontkamera oder des Radarsensors getauscht oder mit neuer Software bespielt wird, gehen die gespeicherten Kalibrierungswerte verloren. Eine anschließende Kalibrierung ist obligatorisch.
Statische vs. dynamische Kalibrierung
Es gibt zwei grundlegende Kalibrierungsverfahren, die je nach Hersteller und System einzeln oder in Kombination angewendet werden.
Statische Kalibrierung (in der Werkstatt)
Bei der statischen Kalibrierung wird ein definiertes Kalibriertarget – eine Tafel mit einem spezifischen Muster – in exakt vorgeschriebener Position und Ausrichtung vor dem Fahrzeug platziert. Die Kamera oder der Sensor erfasst dieses Muster und korrigiert seine internen Referenzwerte.
Anforderungen an die Werkstatt:
- Ebener Boden mit maximal 1° Neigung in alle Richtungen
- Freiraum von mindestens 3–5 Metern vor dem Fahrzeug (je nach Hersteller bis zu 7 Meter)
- Gleichmäßige Beleuchtung ohne direkte Sonneneinstrahlung oder starke Schatten auf dem Target
- Korrekte Reifendrücke und leerer Kofferraum (definiertes Fahrzeugniveau)
- Herstellerspezifische Kalibriertargets – ein universelles Target gibt es nicht
- Präzises Ausrichten des Targets zur Fahrzeugachse (Laser- oder Schnursystem)
Dynamische Kalibrierung (auf der Straße)
Einige Systeme erfordern zusätzlich oder alternativ eine dynamische Kalibrierung. Dabei wird das Fahrzeug auf einer geeigneten Strecke mit definierter Geschwindigkeit gefahren. Die Kamera erkennt Fahrbahnmarkierungen und korrigiert ihre Ausrichtung anhand der realen Umgebung.
Anforderungen:
- Gut markierte Straße mit klar sichtbaren Fahrbahnmarkierungen
- Mindestgeschwindigkeit (typisch 60–100 km/h, herstellerabhängig)
- Mindestfahrstrecke (typisch 15–30 Kilometer)
- Trockene Fahrbahn und gute Sichtverhältnisse
Viele Hersteller setzen auf eine Kombination: Zunächst die statische Grundkalibrierung in der Werkstatt, dann eine dynamische Feinkalibrierung bei der anschließenden Probefahrt.
Was passiert, wenn nicht kalibriert wird?
Die Folgen einer unterlassenen oder fehlerhaften Kalibrierung sind gravierend und betreffen direkt die Verkehrssicherheit:
Adaptiver Tempomat (ACC)
Der Radarsensor misst den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug falsch. Im schlimmsten Fall erkennt das System das vorausfahrende Fahrzeug zu spät oder gar nicht. Die automatische Abbremsung setzt verspätet ein oder bleibt aus. Bei 130 km/h auf der Autobahn entscheiden Millisekunden.
Notbremsassistent (AEB)
Der Notbremsassistent kombiniert Kamera- und Radardaten. Eine falsch kalibrierte Kamera erkennt Fußgänger oder Radfahrer in der falschen Position. Das System bremst zu spät, zu früh oder für ein Hindernis, das gar nicht in der Fahrspur steht – sogenannte Phantombremsungen.
Spurhalteassistent (LKA)
Eine um nur 0,5 Grad falsch kalibrierte Frontkamera erkennt die Fahrbahnmarkierungen versetzt. Der Spurhalteassistent lenkt das Fahrzeug in die falsche Richtung – nicht in die Fahrbahnmitte, sondern zur Markierung hin oder sogar darüber hinaus. Bei Gegenverkehr auf einer Landstraße ist das ein unmittelbares Unfallrisiko.
Verkehrszeichenerkennung
Eine falsche Kameraausrichtung führt dazu, dass Verkehrszeichen nicht oder falsch erkannt werden. Die angezeigte Höchstgeschwindigkeit stimmt nicht mit der tatsächlichen überein. In Kombination mit einem Geschwindigkeitsassistenten, der automatisch die erkannte Geschwindigkeit einhält, kann dies zu gefährlichen Situationen führen.
ADAS-Kalibrierung bei KFZ Dietrich – alle Marken
Die Kalibrierung von Fahrerassistenzsystemen erfordert zwei Dinge: die richtige Hardware (Kalibriertargets und Messvorrichtungen) und die richtige Software (herstellerspezifische Diagnose- und Kalibrierungsprogramme).
Bei KFZ Dietrich vereinen wir beides. Für Mercedes-Benz, den VW-Konzern und BMW setzen wir die identischen Systeme ein, die auch in den Vertragswerkstätten verwendet werden: XENTRY, ODIS und ISTA. Diese Systeme führen die Kalibrierung exakt nach Herstellervorgabe durch – ohne Kompromisse, ohne Umwege.
Für alle weiteren Marken – von Stellantis über Hyundai und Kia bis zu Renault, Toyota, Ford und darüber hinaus – nutzen wir professionelle Mehrmarken-Diagnosesysteme von Bosch, Gutmann und Launch. Diese Systeme verfügen über die herstellerfreigegebenen Kalibrierungsroutinen und die notwendigen Security-Gateway-Zugänge, um auch bei neuesten Fahrzeugen den vollständigen Kalibrierungsprozess durchzuführen.
Unser Kalibrierungsprozess
-
Dokumentation des Ausgangszustands: Vor jeder Arbeit lesen wir alle relevanten Steuergeräte aus und dokumentieren den aktuellen Fehlerstatus.
-
Vorbereitung des Fahrzeugs: Korrekte Reifendrücke, definiertes Beladungsniveau, Fahrzeug auf ebenem Untergrund ausgerichtet.
-
Positionierung der Kalibriertargets: Exakte Ausrichtung nach Herstellervorgabe mit Laser-Messsystem.
-
Durchführung der statischen Kalibrierung: Über das jeweilige Diagnosesystem – herstellerspezifisch oder über das autorisierte Mehrmarkensystem.
-
Dynamische Kalibrierung: Soweit vom Hersteller vorgeschrieben, Probefahrt auf geeigneter Strecke.
-
Abschlussprüfung: Erneutes Auslesen aller Steuergeräte, Verifikation der erfolgreichen Kalibrierung, Dokumentation.
Worauf Sie als Fahrzeughalter achten sollten
Wenn bei Ihrem Fahrzeug ein Scheibentausch, eine Unfallreparatur oder Fahrwerksarbeiten anstehen, stellen Sie sicher, dass die durchführende Werkstatt die anschließende ADAS-Kalibrierung beherrscht. Nicht jede Werkstatt, die Scheiben tauscht, kann auch kalibrieren. Und nicht jedes Diagnosegerät, das Fehlercodes ausliest, ist in der Lage, eine herstellerkonforme Kalibrierung durchzuführen.
Achten Sie auf folgende Punkte:
- Verfügt die Werkstatt über herstellerspezifische oder autorisierte Kalibriersysteme?
- Besitzt die Werkstatt die räumlichen Voraussetzungen (ebener Boden, ausreichend Platz, kontrollierte Beleuchtung)?
- Wird die Kalibrierung dokumentiert und mit einem Prüfprotokoll bestätigt?
- Wird nach der Kalibrierung eine Probefahrt durchgeführt, um die Systemfunktion zu verifizieren?
Wenn Sie bei einer dieser Fragen unsicher sind, sprechen Sie uns an. Wir führen ADAS-Kalibrierungen für alle gängigen Fahrzeugmarken durch – sowohl im Rahmen unserer eigenen Arbeiten als auch als Dienstleistung für Scheibentausch-Betriebe und Karosseriewerkstätten, die selbst nicht über die notwendige Ausrüstung verfügen.
Weiterführende Informationen:
- ADAS-Kalibrierung nach Scheibentausch – Unser ausführlicher Artikel speziell zum Thema Frontkamera-Kalibrierung
- Unsere Diagnoseleistungen im Überblick – Alle Marken, alle Systeme
- Scheibendoktor – Steinschlag und Scheibentausch – Unser Spezialbereich für Windschutzscheiben inkl. ADAS-Kalibrierung