Pflicht seit November 2014
Seit dem 1. November 2014 müssen alle in der EU neu zugelassenen Fahrzeuge mit einem Reifendruckkontrollsystem (RDKS) ausgestattet sein. Die EU-Verordnung 661/2009 schreibt dies vor, weil Studien gezeigt haben, dass rund 30 Prozent aller Fahrzeuge mit deutlich zu niedrigem Reifendruck unterwegs sind – oft ohne dass die Fahrer es bemerken.
Zu niedriger Reifendruck führt zu höherem Kraftstoffverbrauch, verlängertem Bremsweg, schlechterer Fahrstabilität und erhöhter Reifentemperatur bis hin zur Gefahr eines Reifenplatzers bei Autobahngeschwindigkeit. Das RDKS soll genau diese Risiken minimieren.
Zwei Systeme: Direkt vs. Indirekt
Es gibt zwei grundlegend verschiedene Technologien, die beide als RDKS zugelassen sind. Die Unterschiede in Funktion, Wartung und Kosten sind erheblich.
Direktes RDKS (dRDKS)
Beim direkten System sitzt in jedem Rad ein batteriebetriebener Sensor am Ventil. Dieser Sensor misst den tatsächlichen Luftdruck und die Temperatur im Reifen und sendet die Daten per Funk (433 MHz) an ein Steuergerät im Fahrzeug.
Vorteile:
- Zeigt den exakten Druck jedes einzelnen Reifens an (in bar oder psi)
- Erkennt auch langsamen Druckverlust zuverlässig
- Warnt bereits bei 0,2 bis 0,3 bar Abweichung vom Sollwert
- Erkennt schnellen Druckverlust (Reifenpanne) in unter 10 Sekunden
Merkmale:
- Jeder Sensor hat eine eigene ID, die am Fahrzeug angelernt werden muss
- Batterie ist fest verbaut, Lebensdauer 5 bis 7 Jahre (je nach Hersteller und Fahrleistung)
- Bei leerem Akku muss der komplette Sensor getauscht werden
- Sensoren kosten zwischen 35 und 80 Euro pro Stück
Fahrzeuge mit dRDKS (Beispiele): BMW (ab 2003 in vielen Modellen), Mercedes-Benz (ab Baureihe W205/W213), Audi (ab 2019 in vielen Modellen), VW (teilweise ab Golf 8).
Indirektes RDKS (iRDKS)
Das indirekte System verwendet keine zusätzlichen Sensoren. Stattdessen nutzt es die ABS-Raddrehzahlsensoren, die ohnehin in jedem Fahrzeug vorhanden sind. Das Prinzip: Ein Reifen mit weniger Luftdruck hat einen kleineren Abrollumfang und dreht sich dadurch bei gleicher Geschwindigkeit schneller als die anderen Räder. Das Steuergerät erkennt diese Drehzahldifferenz und schließt auf Druckverlust.
Vorteile:
- Keine zusätzlichen Sensoren nötig – keine Sensorkosten
- Kein Batterieproblem
- Beim Reifenwechsel kein Anlernen notwendig (nur Reset-Taste drücken)
Einschränkungen:
- Zeigt keinen absoluten Druckwert an, nur eine Warnleuchte
- Erkennt keinen gleichmäßigen Druckverlust an allen vier Rädern gleichzeitig
- Reagiert langsamer: bis zu 10 Minuten Fahrt nötig, um Abweichung zu erkennen
- Muss nach jedem Reifenwechsel und jeder Druckänderung neu kalibriert werden
Fahrzeuge mit iRDKS (Beispiele): VW Golf 7 (Basisausstattung), Skoda Octavia, Toyota, Mazda, Honda.
Was passiert beim Reifenwechsel?
Hier unterscheiden sich die beiden Systeme erheblich:
Direktes RDKS beim Wechsel
Wenn Sie Kompletträder (Reifen auf Felge) wechseln und in jedem Radsatz eigene Sensoren verbaut sind, müssen die Sensoren nach der Montage am Fahrzeug angelernt werden. Das geschieht je nach Hersteller auf drei Arten:
- Automatisches Anlernen: Das Fahrzeug erkennt die neuen Sensor-IDs nach einigen Minuten Fahrt selbstständig (z. B. BMW).
- Anlernen über Bordmenü: Im Fahrzeugdisplay wird eine RDKS-Anlernprozedur gestartet (z. B. Opel, Ford).
- Anlernen mit Diagnosegerät: Die Sensor-IDs werden mit einem RDKS-Programmiergerät ausgelesen und im Steuergerät hinterlegt (z. B. ältere Mercedes-Modelle).
Ohne korrektes Anlernen leuchtet die RDKS-Warnleuchte dauerhaft – und das System überwacht die Reifen nicht. Das ist nicht nur lästig, sondern ein Sicherheitsrisiko und bei der Hauptuntersuchung ein Mangel.
Indirektes RDKS beim Wechsel
Deutlich einfacher: Nach dem Reifenwechsel muss lediglich die Reset-Taste gedrückt oder im Bordmenü der RDKS-Reset bestätigt werden. Das System kalibriert sich dann während der nächsten Fahrt neu. Die Position der Taste variiert: Bei VW oft im Handschuhfach oder im Infotainment, bei Toyota am Armaturenbrett links unten.
Warnleuchte leuchtet: Was tun?
Die RDKS-Warnleuchte zeigt ein Ausrufezeichen in einem stilisierten Reifenquerschnitt. Es gibt zwei Zustände:
Dauerlicht: Mindestens ein Reifen hat zu wenig Druck. Halten Sie an einem sicheren Ort an und prüfen Sie den Reifendruck aller vier Reifen. Bei sichtbarer Beschädigung oder Plattfuß: nicht weiterfahren.
Blinklicht (ca. 60 Sekunden, dann Dauerlicht): Das System selbst hat eine Störung. Mögliche Ursachen: Sensorbatterie leer, Sensor defekt, Sensor nicht angelernt, Funkstörung. In diesem Fall ist eine Werkstattdiagnose erforderlich.
Sensorbatterien: Lebensdauer und Austausch
Die Lithiumbatterien in direkten RDKS-Sensoren halten typischerweise 5 bis 7 Jahre. Die Lebensdauer hängt von der Fahrleistung ab: Jedes Mal, wenn sich das Rad dreht und der Sensor misst und sendet, verbraucht er Energie. Vielfahrer mit 30.000 km pro Jahr erreichen die Batteriegrenze früher als Wenigfahrer.
Ein Batterietausch ist bei den meisten Sensoren konstruktionsbedingt nicht möglich – der Sensor ist vergossen. Wenn die Batterie leer ist, muss der Sensor komplett ersetzt werden. Bei Fahrzeugen ab Baujahr 2014 stehen die ersten Sensorwechsel also ab 2019 bis 2021 an – viele Fahrzeughalter erleben das gerade zum ersten Mal.
Unsere Empfehlung: Wenn ein Sensor ausfällt, tauschen Sie alle vier gleichzeitig. Die Batterien der übrigen Sensoren haben ein ähnliches Alter und werden in absehbarer Zeit ebenfalls ausfallen. Vier einzelne Werkstatttermine kosten in Summe mehr als ein einmaliger Kompletttausch.
RDKS und die Hauptuntersuchung
Seit Mai 2018 ist das RDKS ein Prüfpunkt bei der Hauptuntersuchung. Ein defektes oder nicht funktionierendes System wird als „geringer Mangel” eingestuft – die HU-Plakette wird zwar noch erteilt, aber der Mangel muss zeitnah behoben werden. Eine dauerhaft leuchtende RDKS-Warnleuchte kann jedoch als „erheblicher Mangel” gewertet werden, wenn der Prüfer davon ausgeht, dass das System nicht funktionsfähig ist.
Was wir in der Werkstatt prüfen
Bei jedem Reifenwechsel und jeder Reifenmontage prüfen wir den Zustand der RDKS-Sensoren systematisch:
- Ventilzustand: Das Ventil ist Teil des Sensors und kann korrodieren. Wir prüfen Dichtung und Überwurfmutter.
- Sensor-ID auslesen: Mit unserem RDKS-Diagnosegerät lesen wir die Sensor-IDs aus und prüfen Batteriespannung und Funktionsstatus.
- Anlernen: Nach der Montage lernen wir die Sensoren korrekt am Fahrzeug an – bei allen Herstellern, die wir betreuen.
- Sensorventile: Die Gummidichtungen und Ventileinsätze werden bei jedem Reifenwechsel kontrolliert und bei Bedarf erneuert.
Ein funktionierendes RDKS ist kein Luxus, sondern ein Sicherheitssystem. Wenn Ihre Warnleuchte brennt, ignorieren Sie sie nicht – lassen Sie die Ursache feststellen.